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Übersäuerung des Körpers: Symptome, Mythos und was wirklich hilft

Autor: Sebastian Wettcke

Veröffentlicht am: 05.07.2026

„Ich fühle mich schlapp, vielleicht bin ich übersäuert?“ Diesen Gedanken hatten viele schon. Die ehrliche Antwort vorab: Eine ernährungsbedingte Übersäuerung des ganzen Körpers gibt es bei gesunden Menschen nicht. Dein Organismus hält den pH-Wert des Blutes über Puffersysteme, Lunge und Nieren in einem sehr engen Bereich stabil. Was Deine Ernährung dagegen sehr wohl beeinflusst, ist die Säurelast, die Deine Nieren täglich ausleiten müssen.

In diesem Artikel erfährst Du, was mit „Übersäuerung“ eigentlich gemeint ist, welche Beschwerden ihr zugeschrieben werden, was davon wissenschaftlich haltbar ist, warum Teststreifen für den Urin keine Diagnose liefern und wie Du mit einer basischen, pflanzenbetonten Ernährung wirklich etwas für Dich tust.

Was ist mit „Übersäuerung“ eigentlich gemeint?

Wenn im Alltag von Übersäuerung die Rede ist, ist fast immer die sogenannte latente Azidose gemeint: die Vorstellung, dass sich durch falsche Ernährung, Stress und zu wenig Bewegung nach und nach Säuren im Gewebe anstauen und dort schleichend Beschwerden auslösen. Davon abzugrenzen ist die echte, medizinische Azidose. Sie ist ein ernster Notfall, bei dem der Blut-pH tatsächlich absinkt und der Bikarbonatspiegel im Blut unter etwa 22 Millimol pro Liter fällt, etwa bei entgleistem Diabetes oder schwerer Nierenschwäche. Diese beiden völlig unterschiedlichen Dinge werden im Sprachgebrauch oft in einen Topf geworfen.

Reguliert Dein Körper den Säure-Basen-Haushalt nicht von selbst?

Doch, und zwar sehr zuverlässig. Dein Blut hält seinen pH-Wert konstant zwischen 7,35 und 7,45. Dafür sorgen mehrere Puffersysteme, allen voran das Kohlensäure-Bikarbonat-System, ergänzt durch Lunge und Nieren: Überschüssige Säure atmest Du als Kohlendioxid ab oder scheidest sie über den Urin aus. Bei gesunden Menschen läuft diese Regulation reibungslos, und der Körper kann über die Niere deutlich mehr Säure ausscheiden, als eine einzelne Mahlzeit überhaupt liefert. Eine akute, ernährungsbedingte Übersäuerung des Blutes ist bei Gesunden deshalb schlicht nicht möglich.

Welche Symptome werden einer Übersäuerung zugeschrieben?

In Ratgebern und in der Werbung wird eine lange Liste von Beschwerden mit Übersäuerung in Verbindung gebracht. Genannt werden unter anderem:

  • Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Konzentrationsschwäche
  • Kopfschmerzen und innere Unruhe
  • Hautprobleme, Cellulite und stumpfes Haar
  • Gelenk- und Muskelschmerzen
  • häufige Infekte und Verdauungsbeschwerden

So plausibel das klingt: Für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen einer latenten Azidose und solchen Beschwerden fehlen bislang klare wissenschaftliche Beweise. Diese Symptome sind zudem völlig unspezifisch. Sie können unzählige Ursachen haben, von Schlafmangel über Eisenmangel bis zu ernsteren Erkrankungen. Sie vorschnell der „Säure“ zuzuschreiben, führt oft in die Irre und kann dazu führen, dass die eigentliche Ursache übersehen wird.

Was ist wirklich dran? Säurelast und latente Azidose

Ganz ohne Kern ist die Idee nicht, sie wird nur überzogen. Was Deine Ernährung tatsächlich beeinflusst, ist die renale Säurelast, also die Menge an Säure, die die Nieren aus dem Stoffwechsel ausscheiden müssen. Um Lebensmittel danach einzuordnen, nutzt die Ernährungswissenschaft den PRAL-Wert (Potential Renal Acid Load): Ein negativer Wert bedeutet basische Wirkung, ein positiver Wert eine säurebildende. Tierisches Eiweiß wie Fleisch, Fisch, Käse und Eier wirkt durch schwefelhaltige Aminosäuren säurebildend, Obst und Gemüse dagegen basisch.

Bei dauerhaft sehr hoher Säurelast kann eine leichte, unterschwellige Form der Azidose entstehen, die im normalen Bluttest noch nicht auffällt, weil der Körper sie über eine vermehrte Ammoniumausscheidung der Niere und über Knochenpuffer abfängt. Ob das bei gesunden Menschen langfristig schadet, ist Gegenstand der Forschung. Hinweise gibt es vor allem für Knochen und Muskeln: In einer Studie steigerte basisch wirkendes Kaliumcitrat die Knochendichte an der Lendenwirbelsäule über zwei Jahre um rund 1,7 Prozent gegenüber einem Scheinpräparat. Klinisch eindeutig relevant ist eine hohe Säurelast bislang aber vor allem bei Nierenerkrankungen: In der Auswertung mehrerer Beobachtungsstudien ging eine hohe Säurelast mit einem rund 1,3-fach höheren Risiko für eine chronische Nierenerkrankung einher. Für gesunde Menschen ist das aber kein Grund zur Sorge, sondern eher ein weiteres Argument für viel Gemüse und Obst.

Kann man eine Übersäuerung messen?

Die im Handel angebotenen Urin-Teststreifen sind dafür ungeeignet. Der pH-Wert des Urins schwankt über den Tag stark und hängt direkt von der letzten Mahlzeit ab, er sagt nichts über den Säurezustand in Deinen Geweben aus. Auch andere in der Alternativmedizin angebotene Messverfahren sind wissenschaftlich nicht ausreichend geprüft. Eine echte Azidose stellt die Ärztin über eine Blutgasanalyse fest, nicht über einen Teststreifen aus der Drogerie.

Was hilft wirklich?

Die gute Nachricht: Der praktische Rat, der aus dem ganzen Thema folgt, bleibt sinnvoll, nur aus anderen Gründen. Eine basenüberschüssige Kost punktet vor allem mit vielen Ballaststoffen und Mikronährstoffen und mit weniger hochverarbeiteten Produkten. Wer mehr Gemüse, Obst, Kartoffeln und Kräuter isst und dafür weniger Fertigprodukte, Zucker und Wurst, tut seiner Gesundheit etwas Gutes, ganz unabhängig vom pH-Wert. Wie Du das Schritt für Schritt umsetzt, liest Du in unserem Beitrag dazu, wie Du basische Ernährung in Deinen Alltag bringst.

Teure basische Nahrungsergänzungsmittel brauchst Du dafür nicht. Verbraucherschützer kommen zu einem klaren Urteil: Wer sich vollwertig ernährt, nimmt automatisch genug basische Lebensmittel zu sich, und einen belegten Zusatznutzen der Präparate gibt es nicht. Das Geld steckst Du besser in einen vollen Gemüsekorb.

Wenn Du dem Ganzen einen bewussten Neustart geben möchtest, kann eine begleitete Fastenwoche der Einstieg sein. Beim Basenfasten etwa isst Du einige Tage rein basisch, also Gemüse, Obst und milde Beilagen, und spürst, wie leicht sich eine pflanzenbetonte Kost anfühlt. Angeboten wird das in vielen Häusern, etwa in Baden-Württemberg mit seiner langen Fastentradition. Unser Stammhaus, das Hotel Therme in Bad Teinach im Schwarzwald, begleitet Dich beim Basen- und Buchingerfasten von den Entlastungstagen bis zum sanften Aufbau.

Wann Du besser zur Ärztin gehst

Anhaltende Müdigkeit, Gelenkschmerzen oder Verdauungsbeschwerden gehören ärztlich abgeklärt, statt sie auf eigene Faust als „Übersäuerung“ zu behandeln. Eine echte Azidose ist ein medizinischer Notfall mit Anzeichen wie schneller, tiefer Atmung, Verwirrtheit und starker Schwäche und muss sofort behandelt werden. Menschen mit Nieren- oder Stoffwechselerkrankungen, Schwangere sowie Menschen mit einer Essstörung in der Vorgeschichte sollten Ernährungsumstellungen und Fasten grundsätzlich vorab ärztlich besprechen. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

Kurz gesagt: Die schleichende „Übersäuerung“, vor der oft gewarnt wird, ist bei gesunden Menschen nicht belegt, denn Dein Körper reguliert den Säure-Basen-Haushalt zuverlässig selbst. Was zählt, ist die Ernährung als Ganzes: viel Gemüse, Obst und Kräuter, wenig hochverarbeitete Kost. Dann liegst Du automatisch richtig, ganz ohne Teststreifen und teure Pulver.

Häufige Fragen

Gibt es eine Übersäuerung des Körpers wirklich?

Eine echte Azidose, bei der der Blut-pH absinkt, gibt es, sie ist aber ein medizinischer Notfall bei schweren Erkrankungen. Die im Alltag gemeinte, ernährungsbedingte „Übersäuerung“ bei Gesunden ist dagegen wissenschaftlich nicht belegt, weil der Körper den pH-Wert des Blutes selbst stabil hält.

Was sind angebliche Anzeichen einer Übersäuerung?

Häufig genannt werden Müdigkeit, Kopfschmerzen, Haut- und Gelenkbeschwerden oder häufige Infekte. Diese Symptome sind aber unspezifisch und ohne belegten Zusammenhang zur Säurelast. Halten Beschwerden an, solltest Du die Ursache ärztlich abklären lassen.

Kann ich eine Übersäuerung mit Urin-Teststreifen messen?

Nein. Der Urin-pH schwankt mit jeder Mahlzeit und sagt nichts über den Säurezustand im Gewebe aus. Für eine echte Azidose braucht es eine Blutgasanalyse beim Arzt.

Was ist der Unterschied zwischen basischer Ernährung und Basenpulver?

Basische Ernährung bedeutet, viel Gemüse, Obst und Kräuter zu essen, das ist rundum sinnvoll. Basenpulver sollen dasselbe aus der Dose liefern, haben aber keinen belegten Zusatznutzen für Gesunde.

Quellen

  1. Säure-Basen-Haushalt: basische Ernährung im CheckAOK · 2025 · abgerufen am 05.07.2026aok.de
  2. Dietary acid load in health and diseasePflügers Archiv, European Journal of Physiology · 2024 · abgerufen am 05.07.2026pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  3. Säure-Basen-Ausgleich durch Nahrungsergänzungsmittel: Wem nützt das?Verbraucherzentrale · 2025 · abgerufen am 05.07.2026verbraucherzentrale.de
  4. Potential renal acid load of foods and its influence on urine pHJournal of the American Dietetic Association · 1995 · abgerufen am 05.07.2026pubmed.ncbi.nlm.nih.gov

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