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6 min Lesezeit

Fasten und Essstörungen: Wann Fasten tabu ist und wo Du Hilfe findest

Autor: Sebastian Wettcke

Veröffentlicht am: 21.10.2026

Du hast schon einmal mit Deinem Essverhalten gerungen und überlegst nun, ob Fasten für Dich in Frage kommt?

Wenn Du eine Essstörung hast, ist Fasten tabu: Die ärztliche Leitlinie zur Fastentherapie nennt Anorexia nervosa und Essstörungen ausdrücklich als Gegenanzeige. Ob Fasten bei anderen Menschen eine Essstörung auslösen kann, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Studien finden bei Menschen, die fasten, aber häufiger Anzeichen gestörten Essverhaltens, ohne dass bewiesen ist, was Ursache und was Folge ist.

In diesem Artikel erfährst Du, was Leitlinie und Studien sagen, wer besonders gefährdet ist, woran Du Warnzeichen erkennst und wo Du schnell und anonym Hilfe findest.

Darf man mit einer Essstörung fasten?

Nein. Die Leitlinie für Fastentherapie, erarbeitet von einem Expertengremium, führt Anorexia nervosa und Essstörungen unter den Gegenanzeigen auf. Auch für das eigenständige Fasten von Gesunden schließt sie Menschen mit Essstörungen und Suchterkrankungen aus. Ärztinnen und Ärzte sollen deshalb schon bei der Erhebung der Krankengeschichte gezielt nach Essstörungen fragen.

Das gilt für jede Fastenform, ob Heilfasten, Intervallfasten oder Basenfasten. Auch ein ärztlicher Kommentar zum Intervallfasten ist eindeutig: Wer eine Essstörung hat, früher hatte oder zu gestörtem Essverhalten neigt, sollte nie zum Intervallfasten ermutigt werden.

Bist Du gesund und stabil, bleibt eine begleitete Fastenkur möglich. Die Leitlinie verlangt dafür Ärztinnen, Ärzte oder Therapeuten, die in Fastentherapie ausgebildet und zertifiziert sind. Welche weiteren Gruppen besser nicht fasten, erklärt unser Artikel Wer sollte nicht fasten?.

Kann Fasten eine Essstörung auslösen?

Eine einfache Antwort gibt es nicht. Essstörungen entstehen selten aus einem einzigen Grund. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) beschreibt ein Zusammenspiel aus biologischen, persönlichen und gesellschaftlichen Faktoren. Häufiges Diäthalten in jungen Jahren nennt es als möglichen Risikofaktor, spricht dabei aber nur von Hinweisen, nicht von einem Beweis.

Für das Fasten selbst stammen die Daten bisher vor allem aus Befragungen. In einer kanadischen Studie mit 2.762 Jugendlichen und jungen Erwachsenen hatten 47,7 Prozent der Frauen, rund 38 Prozent der Männer und 52 Prozent der transgender oder geschlechtlich nonkonformen Teilnehmenden im vergangenen Jahr Intervallfasten ausprobiert. In allen drei Gruppen ging das Fasten mit stärkeren Anzeichen einer Essstörung einher. Bei Frauen zeigte sich zusätzlich am deutlichsten ein Zusammenhang mit Essstörungsverhalten.

Eine Befragung von 682 Studierenden, die der ärztliche Kommentar zitiert, kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Intervallfasten und eine kohlenhydratarme Ernährung hingen jeweils für sich mit mehr Essanfällen und Heißhunger zusammen.

Wichtig ist die Einordnung: Es handelt sich um Querschnittsstudien. Sie zeigen eine Verbindung, aber nicht, ob Fasten das Problem auslöst oder ob Menschen mit Essproblemen eher zum Fasten greifen.

Es gibt auch eine andere Seite. Der Kommentar beschreibt eine vierwöchige Untersuchung im Rahmen einer Doktorarbeit: Gesunde Erwachsene aßen nach dem 5:2-Muster, und gestörtes Essverhalten nahm dabei nicht zu. Das Autorenteam vermutet daraus, dass Intervallfasten für Menschen mit geringem Ausgangsrisiko vertretbar sein könnte, für Menschen mit hohem Risiko aber nicht. Das ist eine Hypothese, kein Beleg.

Warum kann Hungern das Essverhalten durcheinanderbringen?

Einen eindrucksvollen Einblick gibt das Minnesota-Hungerexperiment aus den 1940er Jahren. 36 junge Männer bekamen 24 Wochen lang nur etwa 1.570 Kilokalorien am Tag statt zuvor rund 3.500 und verloren dabei etwa ein Viertel ihres Gewichts.

Das Essen beherrschte bald ihre Gespräche, ihre Lektüre und ihre Träume. Sie zogen sich zurück, und es traten Ängste und depressive Symptome auf. Nach dem Ende der Beschränkung fiel es ihnen schwer, Hunger und Sättigung zu spüren. Sie aßen mehrere Mahlzeiten hintereinander, zeigten Essanfälle und kamen in den ersten zwei Wochen ohne Beschränkung auf 7.000 bis 10.000 Kilokalorien am Tag.

Mit einer einwöchigen, begleiteten Fastenkur lässt sich das nicht vergleichen: Die Hungerphase dauerte ein halbes Jahr und war eine extreme Dauerbelastung. Es zeigt aber, wie stark Einschränkung Denken, Stimmung und Essverhalten verändern kann.

Etwas Appetit nach dem Fasten ist normal. Kritisch wird es, wenn Du beim Essen die Kontrolle verlierst. Das BIÖG nennt als zentrales Kriterium, dass sich das problematische Essverhalten verselbstständigt hat, etwa durch anfallsartiges, hastiges Essen ungewöhnlich großer Mengen. Was hinter Heißhunger nach dem Fasten steckt, erklärt unser Artikel Heißhunger nach dem Fasten.

Wer ist besonders gefährdet?

Der ärztliche Kommentar zum Intervallfasten nennt Gruppen, bei denen besondere Vorsicht gilt.

  • Jugendliche und junge Erwachsene
  • Frauen und Menschen, die sich als weiblich verstehen
  • Transgender und geschlechtlich diverse Menschen
  • Menschen mit aktueller oder früherer Essstörung oder gestörtem Essverhalten
  • Menschen, die ihre Fastentipps aus sozialen Medien beziehen, ohne ärztliche Begleitung

Für Kinder, ältere Menschen sowie Schwangere und Stillende fehlen nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren Daten zur Sicherheit, weshalb sie Intervallfasten dort nicht empfehlen. Warum bei Jugendlichen besonders klare Empfehlungen gelten, liest Du in unserem Artikel Fasten ab welchem Alter?.

Welche Warnzeichen solltest Du ernst nehmen?

Das BIÖG beschreibt unter anderem diese Anzeichen für eine mögliche Essstörung.

  • ständige Sorge, zu dick zu sein oder zuzunehmen, und häufige Gespräche über Kalorien, Diäten oder Gewicht
  • dauerndes Diäthalten, sehr einseitige Auswahl und strenge Regeln oder Rituale beim Essen
  • heimliches Essen, Meiden gemeinsamer Mahlzeiten, Verstecken von Lebensmitteln
  • anfallsartige Essattacken, selbst herbeigeführtes Erbrechen oder übermäßiger Sport, um das Gewicht zu kontrollieren
  • starke Gewichtsschwankungen, Müdigkeit, Unruhe, Konzentrationsprobleme oder Herzrhythmusstörungen
  • anhaltend gedrückte oder gereizte Stimmung und Rückzug von Freunden

Ein einzelnes Merkmal beweist noch nichts. Ob eine behandlungsbedürftige Essstörung vorliegt, können nur besonders ausgebildete Fachleute beurteilen. Erste Anlaufstellen sind die Hausarztpraxis, das Beratungstelefon des BIÖG und die Datenbank Essstörungen mit Beratungsstellen.

Achte auch auf körperliche Warnsignale während einer Kur. Welche davon ernst sind und wie der Ausstieg gelingt, erklärt unser Artikel Fasten abbrechen.

Wo findest Du Hilfe?

Das Beratungstelefon des BIÖG erreichst Du unter 0221 892031, montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr und freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Die Beratung ist kostenlos, Du kannst anonym bleiben, und es fallen nur die normalen Telefonkosten an. Anrufen dürfen Betroffene, Angehörige und alle, die Fragen zum Thema haben.

Sprich zusätzlich mit Deiner Hausarztpraxis. Und wenn Du mitten in einer Fastenkur merkst, dass Dich Gedanken ans Essen und ans Gewicht beherrschen, beende die Kur und vertraue Dich jemandem an.

Was kannst Du stattdessen tun?

Für Menschen mit Essproblemen schlagen die Autorinnen und Autoren des Kommentars andere Wege vor: regelmäßig essen, also drei Mahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten am Tag, und intuitives Essen, bei dem Du auf Hunger und Sättigung hörst. Bei Bedarf hilft dabei eine Ernährungsfachkraft.

Auch wenn Du abnehmen möchtest, musst Du dafür nicht fasten. Besprich Dein Ziel mit Deiner Hausarztpraxis oder einer Ernährungsfachkraft und such Dir einen Weg, der zu Deinem Alltag passt.

Fazit: Bei einer Essstörung ist Fasten der falsche Weg

Bei einer Essstörung ist Fasten laut Leitlinie tabu. Ob Fasten bei anderen Menschen eine Essstörung auslösen kann, ist nicht bewiesen. Befragungen unter jungen Menschen zeigen aber eine Verbindung, am deutlichsten bei Frauen. Nimm Warnzeichen früh ernst und hol Dir Hilfe, bevor sich das Essverhalten verselbstständigt. Bist Du unsicher, sprich vor dem Fasten mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.

Häufige Fragen

Darf ich nach einer überstandenen Essstörung wieder fasten?

Das solltest Du nicht allein entscheiden. Die Leitlinie nennt Essstörungen als Gegenanzeige. Der ärztliche Kommentar rät, Menschen mit früherer Essstörung nicht zum Intervallfasten zu ermutigen. Ob Fasten für Dich irgendwann wieder in Frage kommt, klärst Du am besten mit Deinem Behandlungsteam.

Führt Intervallfasten zu Essanfällen?

Das ist nicht bewiesen. Befragungen zeigen, dass Intervallfasten häufiger zusammen mit Essanfällen und Heißhunger vorkommt. Bei Frauen war der Zusammenhang mit Essstörungsverhalten besonders deutlich. Eine vierwöchige Untersuchung an gesunden Erwachsenen fand dagegen keinen Anstieg. Wer zu Essanfällen neigt, bespricht das besser mit Fachleuten, bevor er fastet.

Woran merke ich, dass Fasten mir nicht guttut?

Alarmzeichen sind Gedanken, die ständig um Essen, Kalorien und Gewicht kreisen, strenge Regeln oder Rituale beim Essen und das Meiden gemeinsamer Mahlzeiten. Dann ist es Zeit, das Fasten zu beenden und Hilfe zu suchen.

Wo bekomme ich anonym Hilfe?

Beim kostenlosen Beratungstelefon des BIÖG unter 0221 892031. Es ist montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr und freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr besetzt, und Du kannst anonym bleiben.

Quellen

  1. Fasting Therapy: an Expert Panel Update of the 2002 Consensus GuidelinesForschende Komplementärmedizin · 2013 · abgerufen am 21.10.2026karger.com ↗
  2. Intermittent fasting: Describing engagement and associations with eating disorder behaviors and psychopathology among Canadian adolescents and young adultsEating Behaviors · 2022 · abgerufen am 21.10.2026doi.org ↗
  3. Intermittent fasting: consider the risks of disordered eating for your patientClinical Diabetes and Endocrinology · 2023 · abgerufen am 21.10.2026pmc.ncbi.nlm.nih.gov ↗
  4. Ursachen und Auslöser von EssstörungenBundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) · abgerufen am 21.10.2026essstoerungen.bioeg.de ↗
  5. The Starvation ExperimentDuke University Department of Psychiatry & Behavioral Sciences · 2023 · abgerufen am 21.10.2026psychiatry.duke.edu ↗
  6. Was sind mögliche Krankheitszeichen?Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) · abgerufen am 21.10.2026essstoerungen.bioeg.de ↗
  7. TelefonberatungBundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) · abgerufen am 21.10.2026essstoerungen.bioeg.de ↗

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